Geschichte der Flurneuordnung in Baden-Württemberg

Ausdruck vom 10. Dezember 2018 02:15:31 MEZ

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Geschichte der Flurneuordnung in Baden-Württemberg

Flurneuordnung im Wandel der Zeit

Baden-Württemberg zeichnet sich durch eine ausgesprochene landschaftliche Vielfalt aus: Von den Ufern des Bodensees bis zu den Weinbergen der Bergstraße, vom Schwarzwald bis zum malerischen Taubertal prägen traditionsreiche historische Kulturlandschaften das Land. Diese Landschaften wurden in jahrhundertelanger Bewirtschaftung durch den Menschen geformt. Sie sind nicht statisch sondern ein Abbild geschichtlicher, gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen und damit einem stetigen Wandel unterworfen. Sozioökonomische Gegebenheiten und historische Ereignisse nehmen Einfluss auf die Art der Landnutzung durch den Menschen und verändern das Landschaftsbild. Dieser fortwährende Wandel der Landschaft und der Landeskultur spiegelt sich auch in der Geschichte der Landentwicklung wieder.

 

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Die Flurneuordnung hat eine lange geschichtliche Entwicklung hinter sich. Schon seit dem 16. Jahrhundert kam es zu großräumigen Neuordnungen des Grundbesitzes, den sogenannten Vereinödungen. Ziel war damals die Befreiung der Dreifelderflur von Nutzungsrechten. Danach konnten die Eigentümerinnen und Eigentümern frei über ihre Grundstücke verfügen. Anfang des 19. Jahrhunderts folgten Markungsbereinigungen zur Beseitigung des Flurzwangs.In den unmittelbaren Nachkriegsjahren bis weit in die 1960er Jahre hinein stand zunächst die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion im Vordergrund. Millionen Heimatvertriebene und Flüchtlinge waren in die Bundesrepublik gekommen und zusätzlich zur ansässigen Bevölkerung zu ernähren.

 

Unter den Kriegsereignissen hatte neben der industriellen auch die landwirtschaftliche Produktion gelitten. Weite Bevölkerungskreise, insbesondere in städtischen Gebieten, hungerten daher in den unmittelbaren Nachkriegsjahren. Die Sicherung der Ernährung der Bevölkerung hatte für Politik und Verwaltung deshalb allerhöchste Priorität. Die Produktion der landwirtschaftlichen Betriebe musste schnellst möglich gesteigert werden. Demzufolge lag der Arbeitsschwerpunkt der Flurneuordnungen in diesen ersten Nachkriegsjahrzehnten auf Maßnahmen, die geeignet waren, die landwirtschaftliche Produktion anzuheben: Durch Zusammenlegung der Felder zu größeren Schlägen, durch Wegebau und durch Bodenmelioration sollten Voraussetzungen geschaffen werden, die den landwirtschaftlichen Betrieben höhere Erträge ermöglichten.

 

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Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs und zunehmenden Wohlstands vollzog sich auch in der Landwirtschaft ein Strukturwandel: Maschinen lösten Zugtiere ab und ersetzten Arbeitskräfte. Immer weniger Arbeitskräfte in der Landwirtschaft versorgten immer mehr Menschen mit Nahrungsmitteln. Die in der Landwirtschaft freigewordenen Arbeitskräfte wurden von der in rasantem Wachstum begriffenen Industrie absorbiert.
Auch die landwirtschaftliche Produktion befand sich in einem Anpassungsprozess weg von der reinen Ernährungssicherung hin zur Veredelung landwirtschaftlicher Grundprodukte. Die Flurneuordnung begleitete auch diese Veränderungen mit, so z. B. durch die verstärkte Unterstützung von aussieldungswilligen landwirtschaftlichen Betrieben.
In den 1970er Jahren, in einer Zeit gesellschaftlicher Um- und Aufbrüche gelang es dem Naturschutzgedanken, in der Bevölkerung Fuß zu fassen. Berichte wie „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome sensibilisierten eine zunehmend kriti-schere Öffentlichkeit für die Begrenztheit der Ressourcen und die Bedrohung der natürlichen Lebensgrundlagen.
Folgerichtig wurden in den folgenden Jahren viele Rechtsbereiche grundlegend novelliert und fand die Berücksichtigung des Naturschutzgedankens Eingang in die Gesetzgebung. Auch das Flurbereinigungsgesetz wurde 1976 neu gefasst und definiert die Flurneuordnung seither im Sinne einer erweiterten Aufgabenstellung. Sie dient nunmehr mit gleichem Rang der Förderung der allgemeinen Landeskultur und der Landentwicklung. Landeskultur umfasst dabei alle ökonomischen und ökologischen Aspekte, die den Bemühungen um die land- und forstwirtschaftlich genutzte Landschaft zugrunde liegen.
In der Folge konnten in Flurneuordnungsverfahren verstärkt Akzente im Bereich des Naturschutzes oder der Gewässerentwicklung gesetzt werden.

 

Die Wirtschaftswunderjahre waren gekennzeichnet von einem starken Anstieg des Verkehrs, ausgelöst durch eine boomende Wirtschaft und die zunehmende individuelle Motorisierung. Steigender Wohlstand und die Ausweitung der Freizeit ermöglichten es vielen Menschen erstmals, Urlaub außerhalb Deutschlands zu machen. Eine Reisewelle, vor allem in den Süden, war die Folge. Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur wurde zu einer vordringlichen Aufgabe für Politik und Verwaltung.

 

Beginnend in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre bis weit in die 1990er Jahre hin-ein prägte daher dieser Ausbau der Verkehrsinfrastruktur die Arbeit der Flurneu-ordnung. Beispielhaft seien hier der Autobahnbau, Tunnelbauwerke oder die Erweiterung des Stuttgarter Flughafens genannt, die in dieser Ära durch zielgerichtete Flurneuordnungsverfahren unterstützt wurden. Durch eine sozialverträgliche Bereitstellung der für den Bau erforderlichen Flächen konnten der Flächenbedarf reduziert und Enteignungen vermieden werden. Dies trug nicht zuletzt dazu bei, Akzeptanz für derartige Infrastruktur-Großprojekte bei der betroffenen Bevölkerung zu schaffen.
 

Die zunehmend spürbaren Folgen des Klimawandels, das Bewusstsein für schwin-dende Ressourcen und der sich abzeichnende demographische Wandel führten ab der Jahrtausendwende zu neuen Schwerpunkten im Aufgabenspektrum der Flurneuordnung Verfahren mit dem Ziel, Hochwasserschutzprojekte oder Projekte der Energiewende zu unterstützen sowie die Dorfentwicklung zu fördern, setzen neue Akzente.
 

Die Begleitung vieler Projekte durch eine zunehmend kritischere Öffentlichkeit verlangte von Politik und Verwaltung eine noch intensivere Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger in Planungsarbeiten. Auch die Flurneuordnung hat darauf reagiert: Die Bürgerinnen und Bürger können sich im Zuge von Flurneuordnungsverfahren informieren, in Workshops mitarbeiten und sich einbringen (Bürgerbeteiligung).
 

Für die Flurneuordnung ergibt sich so die Chance, regionale Aspekte und Interessen aufzunehmen, kreative Potenziale zu nutzen, Ideen umzusetzen und die notwendigen Veränderungen zu begleiten.
Für die Zukunft zeichnen sich weiterhin viele Herausforderungen ab:
In einem immer dichter bebauten Land konkurrieren unterschiedlichste Nutzungsansprüche um immer knapper werdende Flächen. Die Erzeugung nachwachsender Rohstoffe, Infrastrukturprojekte und Projekte des Natur- und Artenschutzes, der Wohnungsbau und die Nahrungsmittelproduktion konkurrieren um die gleiche Fläche. Die Flurneuordnung ist deshalb auch in Zukunft unverzichtbar als das geeignete Instrument, das diese unterschiedlichen Nutzungsansprüche ausgleichen kann und dabei gleichzeitig regionale Erfordernisse und Besonderheiten bestmöglich berücksichtigt.